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folkish vs. universalist – Asatru

Die Begriffe „folkish“ und „universalist“ geistern seit geraumer Zeit durch die internationale Heidenszene. Ich habe hier versucht, den Standpunkt des Eldaring innerhalb dieser Debatte einmal auf den Punkt zu bringen.

Man begegnet im Zusammenhang mit Asatru gelegentlich dem Adjektiv „folkish“ oder seiner – wohl etwas heiklen – deutschen Übersetzung „völkisch“. Etwas seltener hört oder liest man auch das als Gegenbegriff gemeinte „universalist(isch)“. Beim Troth wird eine solche Einteilung unserer Religion nicht vorgenommen, und auch der Eldaring macht sich diese Begrifflichkeiten nicht zu eigen. Da sie aber immer wieder auftauchen und regelmäßig für Diskussionsstoff und in nicht unerheblichen Maße für Irritation sorgen, sei hier einmal kurz auf sie eingegangen – allerdings weniger auf ihre Bedeutung sondern vielmehr auf die Gründe, warum wir sie eben nicht für sinnvoll erachten und deshalb nicht verwenden wollen.

„Folkish“ ist eine Selbstbezeichnung einzelner Heiden und heidnischer Gruppierungen (ursprünglich vor allem im englischsprachigen Raum), die damit eine Lesart ihrer Religion kennzeichnen möchten, die besonderen Wert auf die ethnische Komponente der Tradition legt. Das Spektrum reicht dabei von durchaus gemäßigten, toleranten Personen bis hin zu ausgesprochenen Rassisten.

Ist nun der Begriff des „folkish“ schon problematisch genug, so erweist sich das „universalist“ bei näherer Betrachtung als Schimäre, die in der Konsequenz auch das „folkish“ in einem äußerst fragwürdigen Licht erscheinen läßt. Die radikaleren Vertreter der „folkish“ Richtung haben den Begriff „universalist“ geprägt, um einen Gegenbegriff zu ihrem „folkish“ zu haben – offenbar gefangen in einem Dualismus-Bedürfnis, dem unsere „westliche“ Kultur seit Etablierung des Christentums so verhaftet scheint, das aber ganz und gar nicht heidnischer Weltsicht entspricht.

Tatsächlich dürfte man aber vergeblich nach einem Heiden suchen, der sich selbst als „universalistisch“ bezeichnen würde. Der Begriff ist auch schon deshalb unsinnig, weil er eine Allgemeingültigkeit behauptet, die so niemand im Heidentum vertritt. Eine „universalistische“ Religion begegnet uns zum Beispiel im missionsbeflissenen Christentum. Kein noch so eifriger Heide würde von seiner Religion behaupten, sie sei die allein seligmachende Lehre für alle Menschen dieser Erde. Ganz im Gegenteil – Heiden kennen und respektieren eine Vielzahl verschiedenster religiöser Traditionen mit jeweils ganz eigenen Mythen und Gottheiten.

Es gibt faktisch kein „universalist Asatru“. Das ist vielmehr ein rein hypothetisches Konstrukt, das auf einer gedachten „Asatru-Skala“ an demjenigen Ende zu finden wäre, das der rassistischen Form des „folkish“ gegenüber läge. Man könnte dagegen vielleicht davon sprechen, daß es eine exklusive und eine tolerante Auffassung von Heidentum gibt. Die exklusive Richtung beschränkt normativ (d.h. vorschreibend) die Möglichkeit der Teilhabe an der Religion auf eine bestimmte Gruppe (die verschieden definiert sein mag). Die tolerante Richtung akzeptiert prinzipiell jeden als legitimes „Mitglied“ dieser Religion. Allerdings werden auch die Vertreter der letzteren Richtung, zu der wohl auch der Eldaring zu rechnen wäre, in individuell verschiedenem Grade einen ethnischen Fokus anerkennen. Denn daß einzelne heidnische Religionen jeweils Produkte bestimmter Kulturen und Völker sind, wird niemand leugnen können oder wollen.

Wie und warum aber sollte sich aus der Tatsache, daß heidnische Religionen ethnischen Ursprungs sind, eine ethnische „Zulassungsbeschränkung“ ableiten lassen? Gegen wen wollte man sich denn damit abgrenzen und vor allem – zu welchem Zweck? Die panische Angst vor einer Überfremdung, unter der manche zu leiden scheinen, kann man nur noch als Paranoia bezeichnen. Kultur ist keine Frage der Hautpigmentierung, Religion ist nicht in den Genen kodiert. Ein Mensch, der in einer von der unseren gänzlich verschiedenen Kultur geboren und aufgewachsen ist, wird kaum den brennenden Wunsch verspüren, sich ausgerechnet uns anzuschließen. Wenn doch, so würde uns das zwar wahrscheinlich wundern – aber wenn jemand sich von den Asen gerufen fühlt, soll uns das Grund genug sein, ihn aufzunehmen. Wer auch immer sich zu uns gesellt, wird dafür seine ganz persönlichen Gründe haben. Solange die betreffende Person unsere Grundsätze und Ziele teilt und respektiert, ist sie herzlich willkommen.

Daß von all dem abgesehen, die eigene „Ethnizität“ in genetischer Hinsicht gerade für einen modernen Mitteleuropäer nahezu unmöglich festzustellen oder auch nur klar zu definieren ist, bedarf eigentlich kaum noch der Erwähnung. Genausowenig wie die Tatsache, daß unsere Vorfahren in solchen Kategorien überhaupt nicht gedacht haben.

Der Eldaring vermeidet den Begriff „folkish“, selbst in seiner gemäßigten Auffassung. Nicht nur, weil seine wörtliche deutsche Übersetzung ihn in die Nähe unguter Verwendungen in der jüngeren

deutschen Vergangenheit rückt. Zwar ist „völkisch“ natürlich kein „Nazi-Wort“ per se. Aber es wäre nur schwer vermittelbar, daß man „völkisch“ nicht in dieser Bedeutung gebraucht, da dieses Adjektiv ansonsten in unserer Sprache kaum je Verwendung findet. Viel wichtiger: der Begriff „folkish“ ist vollkommen überflüssig. In seiner gemäßigten, nicht-rassistischen Form bedeutet er nichts anderes, als daß Asatru eine ethnische Religion ist. Aber das ist Asatru per definitionem. Warum also dafür einen eigenen Begriff prägen? Und vor allem, macht es Sinn, selbst wenn man zu dieser gemäßigten Richtung neigt, sich in eine Schublade zu begeben, die unter anderem auch Rassisten enthält? Das führt lediglich zu Erklärungsnöten, schlimmstenfalls zu eigentlich völlig unnötigen Auseinandersetzungen und Anfeindungen.

Neue begriffliche Unterscheidungen oder Kategorien einzuführen macht ganz allgemein nur dann einen Sinn, wenn sie helfen Klarheit zu schaffen. Das Gegenteil aber ist hier der Fall – es wird nicht nur mehr Verwirrung erzeugt, auch werden Grenzen geschaffen, wo keine sein müßten, Mißverständnisse und Feindseligkeiten sind vorprogrammiert.

Der Eldaring spricht niemandem das Recht ab, sich als „folkish“, „universalistisch“ oder wie auch immer zu betiteln. Auch wollen wir niemanden in die „rechte“ oder sonst eine Ecke stellen, bloß weil er diese oder jene Bezeichnung für sich verwendet. Niemand ist gleich ein Neonazi, nur weil er sich „folkish“ nennt. Aber die ganze „folkish / universalist“ Debatte ist im Sinne unserer Sache nur kontraproduktiv. Wir brauchen sie nicht!

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Was ist Heidentum?

Da vielen Menschen überhaupt nicht klar ist, was der Begriff Heidentum ursprünglich und in heutigem Selbstverständnis genau bezeichnet, wird das hier einmal sehr allgemeinverstädnlich aufgezeigt.

Der Begriff Heidentum löst oft große Missverständnisse aus, die meist aus Nichtwissen resultieren. Deshalb soll hier einmal allgemeinverständlich dargelegt werden, was der Begriff eigentlich bedeutet. Über lange Zeit wurde er gerade kirchlicherseits und auch in allgemeinem Sprachverständnis mit Atheismus, also dem Leugnen von Religion schlechthin, gleichgesetzt oder aber generell auf alle nichtchristlichen Religionen angewandt. Heidentum ist aber nichts weiter als die Selbstbezeichnung jener Religionen, die in Europa vor Einführung des Christentums herrschten. Dazu gehörten nicht nur die bekannteren Religionen der Griechen und Römer, sondern auch die der Nordeuropäer, also die der Slawen, Kelten, Balten, Germanen, Finnen usw.

Die vorchristlichen Religionen Nord-Europas werden auch oft als „Naturreligionen“ bezeichnet, so wie viele ähnliche Religionen in anderen Teilen der Welt auch. Aber dieser Begriff ist sehr missverständlich, denn viele Leute stellen sich dabei vor, dass Anhänger von Naturreligionen Tiere, Felsen oder Bäume anbeten würden. Das ist natürlich völliger Unsinn. Zwar wird die Natur sehr viel mehr als gleichberechtigte Schöpfung angesehen, angebetet aber wird sie nie. Solche Vorstellungen gehen ausschließlich auf das Unverständnis früher Missionare zurück, die nicht-christliche Frömmigkeit nur als „Geisterfurcht“ und deren Gebete und Riten nur als „primitive Magie“ ansehen konnten. Die Anhänger solcher Religionen wurden als unreife Kinder angesehen, die nicht zu einem Gott, sondern zu „Götzen“ beteten, die dann im schlimmsten Fall als „Dämonen“ oder gar gleich als der Teufel selbst bezeichnet wurden. Deshalb soll auf ein weitverbreitetes Missverständnis gleich an dieser Stelle hingewiesen werden: Heiden sind keine Satanisten. Das können sie gar nicht sein, denn um an die Existenz eines Satan überhaupt zu glauben, muss man zunächst einmal 150prozentiger Christ sein, und genau das sind Heiden eben nicht. Das Heidentum kennt keinen Teufel und keine Hölle. Genausowenig hat das Heidentum etwas mit Esoterik oder Okkultimus zu tun, denn diese Begriffe bezeichnen sogenannte Geheimlehren, die nur ausgewählten Personen zugänglich gemacht werden. Bei den heidnischen Religionen gibt es aber keine Geheimnisse oder Geheimlehren, genausowenig wie bei den meisten anderen Religionen, sondern es war schlicht und einfach die allgemeine Volksreligion unserer Vorfahren.

Leider wird auch heute noch der Begriff „Heidentum“ oft mit der Vorstellung barbarischer Wilder verbunden, die irgendwelche finsteren und grausamen Rituale vollführten. Dieses Klischee zieht sich durch Bücher und Filme und wurde früher tatsächlich sogar auch in der Schule gelehrt (wobei dann natürlich geflissentlich verschwiegen wurde, dass z.B. auch Goethe und Schiller bekennende und überzeugte Heiden waren). Viele Menschen sind im Religionsunterricht noch mit solchen Vorstellungen gefüttert worden, als diese schon längst überholt waren. Vorurteile sind oft schwer auszurotten, aber leicht weiterzugeben, auch (oder gerade!) wenn sie auffällig kindisch sind. Aber dem Christentum war es über Jahrhunderte zur Gewohnheit geworden, alle anderen Religionen als minderwertig anzusehen, und Naturreligionen wurden als geradezu „primitiv“ angesehen. Diese Auffassung liegt nicht nur an der langen Verteufelung der alten Religionen durch das Christentum, sondern auch an einer naiven Fortschrittsgläubigkeit, die es als selbstverständlich ansieht, dass der moderne Mensch wegen der rasanten Fortschritte in Wissenschaft und Technik den Menschen früherer Zeiten auch sittlich überlegen sei. Und genau das ist ein sehr großer Irrtum.

Besonders ärgerlich aus heidnischer Sichtweise sind viele Filme und Romane, die Welten aus einer uralten Zeit entstehen lassen, und in denen es von Magiern, Priesterinnen und geheimnisvollen Gottheiten wimmelt. All das soll „Heidnisches“ darstellen, es basiert aber fast immer völlig auf dem christlichen Konzept eines ewigen Kampfes des Guten gegen das Böse, wobei das Böse immer die Welt versklaven will. Das ist eine ausschließlich christliche Sichtweise der Welt, die nichts mit einem heidnischen Weltbild zu tun hat, denn einen solch christlichen Dualismus zwischen absolut gut und absolut böse gibt es im Heidentum nicht. Gerade diese christliche Vorstellung der Dualität, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, ist auch noch in den Köpfen von Menschen vorherrschend, die sich überhaupt nicht für christlich beeinflusst oder sogar für atheistisch halten, ohne dass sie merken würden, wie sehr ihr natürliches Denken dadurch zerstört worden ist, dass sie nicht mehr abwägen, die Dinge nicht mehr aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können und von einem Extrem ins andere fallen. Auch im Heidentum gilt es, eine Balance zwischen guten und eher schädlichen Strömungen und Kräften zu halten, aber das funktioniert auf sehr viel harmonischere Weise und kommt ohne die Vorstellung des absolut Bösen aus. Die Erklärung menschlicher Dummheit, allzu verständlicher Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten reicht in der Regel aus, um hinreichend zu erklären, warum es mit der Welt nicht gerade zum Besten bestellt ist.

Der Begriff „Naturreligion“ wird vor allem dazu benutzt, um ihn von dem der „Offenbarungsreligion“ zu unterscheiden. Unter Offenbarungsreligion versteht man eine Religion, die auf einen einzelnen Gründer zurückgeht und die er selbst (oder seine direkten Anhänger) in schriftlicher Form niedergelegt hat. Eine solche Schrift gilt dann als „heilig“ und unveränderbar. Der Religionsgründer behauptet, diese Schrift selbst von Gott „empfangen“ zu haben. Alle Anhänger dieser Religion sind somit gezwungen, jedes Wort dieser Verkündigung für bare Münze zu nehmen. Eigene religiöse Erfahrungen sind nicht erwünscht, da sie ja der offiziellen Lehre widersprechen könnten. Als „Vermittler“ zwischen den Menschen und dem Göttlichen gibt es vielmehr eine Priesterschaft, die den göttlichen Willen und die Worte der Schrift nach eigenem Gutdünken oder jeweiliger Notwendigkeit „auslegt“.

Naturreligionen dagegen besitzen weder einen Gründer, der sich das alles ausgedacht hat, noch „heilige Schriften“. Solche Schriften, die in bestimmten historischen Zusammenhängen entstanden sind und für diese Zeiten vielleicht gültig waren, müssen im Lauf von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden natürlich unverständlich werden. Es bedarf dann großer Spitzfindigkeit und Manipulation, einen Text, der z.B. für ein vergleichsweise winziges nomadisches Volk aus dem Alten Orient vor 3000 Jahren seine Gültigkeit gehabt haben mag, für heutige nordeuropäische Gegebenheiten als „Wahrheit“ auszulegen bzw. überhaupt noch auf völlig veränderte gesellschaftliche Realitäten anwenden zu können.

Auf religiöser Autorität basieren Naturreligionen zwar auch, doch bei ihnen entspringt sie einer anderen Quelle. Was man glauben und tun soll, das sagt den Christen ihre Kirche, die sich dabei auf Konzile, Synoden und Bekenntnistexte beruft. Deren Antworten lauten einheitlich und grenzen zugleich eine Konfession gegen die andere streng ab. Das sucht man in Naturreligionen vergeblich. Dort beruht religiöse Autorität auf Erfahrung. Weil jeder Mensch neue und andere Erfahrungen macht, lehrt und handelt er auch anders als andere, vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Weltsicht versteht sich. Doch würde niemand aus Unterschieden in Lehre oder Praxis eine Abgrenzung von „wahrem“ oder „falschem“ Glauben folgern, wie es sich im religiösen Verständnis unserer Gesellschaft eingebürgert hat.

Naturreligionen beruhen also insgesamt weniger auf reinem „Glauben“, sondern auf konkreter und für alle nachprüfbarer Erfahrung. Dort werden Weisheiten nicht schriftlich fixiert, sondern mündlich weitergegeben. Mündliche Überlieferung aber passt sich stets den notwendigen Gegebenheiten an, ohne dass deswegen die symbolischen Bilder selbst verändert werden müssen. Dazu kommt, dass Naturreligionen Techniken kennen, die jedem Menschen helfen können, einen Kontakt mit höheren Mächten selbst herzustellen, selbst Antworten zu finden und Wahrheiten konkret überprüfen zu können und sich nicht auf letztlich unüberprüfbare Aussagen irgendwelcher Gurus, Priester oder angeblich „heiliger“ Schriften zu verlassen. Wenn z.B. ein junger Indianer seine Vision sucht und sich dazu unter Fasten und anderen Techniken lange in die Einsamkeit zurückzieht, kommt er danach mit Antworten zurück, nicht mit vagen Vermutungen. Dass auch Jesus genau dieselbe Technik anwandte, die auch zu denselben Ergebnissen führte, als er vierzig Tage in die Wüste ging und dort seine Vision hatte, scheint dabei kaum einem Christen bewusst zu sein. Und er sagte nicht „Betet mich an“ sondern „Folget mir nach“ (d.h. geht denselben Weg, den auch ich gegangen bin, um zu ähnlichen Erkenntnisen zu gelangen). Auch die katholische und die griechisch/russisch-orthodoxe Kirche kannte in früherer Zeit noch diese Techniken. Sie kennt sie immer noch, vermittelt sie aber bezeichnenderweise nicht mehr bzw. nur noch in klösterlichem Umfeld.

Die christliche Vorstellung eines „Heils“, das bereits von Gott selbst ein für allemal erwirkt ist, gibt es im Heidentum nicht. Dort bleibt es Aufgabe der menschlichen Gemeinschaft, im Zusammenhang mit göttlichen und natürlichen Kräften, dieses „Heil“ zu erwirken. Diese Aufgabe wird als Verantwortung für den Fortbestand einer harmonisch funktionierenden Welt gesehen, auf Gleichgewicht und soziale Ausgewogenheit, und das lenkt die religiöse Aufmerksamkeit und Hinwendung notwendigerweise auf das Hier und Jetzt der Gegenwart. Deshalb sind Heiden auch keine frömmelnden „Jenseits-Apostel“, sondern Menschen, die mit beiden Beinen fest im täglichen Leben stehen und für die das Handeln mehr zählt, als fromme Gedanken und Worte. Natürlich kennt man auch im Heidentum eine göttliche Kraft, die in allem wirkt und erkennbar ist. Diese erfahrbare Kraft ist aber gerade für die schwer fassbar, die sie nie erlebt haben, denn hier geht es nicht um Aussagen einer Lehre oder Theorie, sondern um konkrete eigene Erfahrungen, die dem religiös entfremdeten Durchschnittseuropäer oft fremd und unbegreiflich bleiben. Und weil diese Gabe die gesamte Schöpfung umfasst, fühlt man sich auch mehr mit Tieren, Pflanzen, Flüssen verbunden. Diese Haltung wurde früher als „Animismus“ bezeichnet und überlegen belächelt. Dieser Begriff ist in der seriösen Religionswissenschaft aber glücklicherweise schon lange eingemottet und in einem Zeitalter ökologischer Bewusstseinwerdung durch die realistischere Erkenntnis ersetzt worden, dass sich der Mensch in Naturreligionen eben nicht zum Herrn der Geschöpfe macht, sondern sich eher als Bruder unter Brüdern versteht.

In Naturreligionen kennt man keine radikale Trennung von Gott und Welt, keinen strengen Unterschied zwischen religiös und weltlich. Dort bildet Religion den ganzheitlichen Untergrund für das gesamte Leben, sie lässt sich nicht „ablösen“ und als eigene isolierte Rubrik betrachten. Es ist ja bezeichnend, dass im Heidentum, z.B. bei indianischen oder afrikanischen Kulturen, Arzt, Psychotherapeut und Priester oft noch immer eine Person sind, und das meistens sehr erfolgreich.

Aus all dem folgt natürlich auch, dass Naturreligionen nicht werben und keinerlei Mission betreiben, während die sogenannten „Weltreligionen“ alle Welt bekehren wollen. Naturreligionen halten sich auch in keiner Weise für „besser“ als andere Religionen, sondern sind zutiefst einem Weltbild verpflichtet, bei dem sich religiöse Unterschiede aus unterschiedlichen ethnischen Traditionen ergeben, die in jeder Hinsicht als natürlich, normal und vor allem gleichwertig akzeptiert werden. Begriffe wie „falscher“ oder „Irr-“ oder gar „Aberglaube“ kennen sie nicht, woraus sich eine Toleranz ergibt, die den Offenbarungsreligionen unbekannt ist, da diese sich notgedrungen zu der Behauptung erdreisten müssen, es gäbe nur eine einzige Wahrheit und Sichtweise, und sie hätten diese als einzige erkannt. Daraus folgt vor allem auch, dass das Heidentum keine „Sekte“ ist. Dieser Begriff reizt Heiden sehr zum Lachen, weil es „Sekten“ ja per Definition nur in zentral normierten Religionen geben kann, die gerade dem Heidentum fremd sind. „Sekte“ bedeutet immer „Abspaltung (von einem Hauptstrom)“. Das Heidentum aber ist keine Abspaltung von irgendetwas, sondern selbst der Hauptstrom der eigenen Religion, und zwar einer mit jahrtausendealter Tradition. Schließlich kommt auch niemand auf die Idee, die Römer und Griechen der Antike als „Sekte“ zu bezeichnen, nur weil sie ihre eigene heidnische Religion ausübten. Das heutige Heidentum wirbt nicht um Anhänger, sondern lediglich um Verständnis und Toleranz.

Einer der größten Unterschiede zwischen konventionellem Christentum und Heidentum liegt in der Beziehung zwischen Menschen und Gottheiten. Die meisten Menschen lernen schon in ihrer Kindheit, dass es nur einen einzigen männlichen Gott gibt, der allmächtig und allwissend ist und dessen Willen sie sich unterwerfen müssen, um religiöse und weltliche Erfüllung zu finden. Diese Lehre ist über Jahrhunderte dazu benutzt worden, um die Unterwerfung der Frauen, soziale Unterschiede und die Unterdrückung individuellen Denkens zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu ist im Heidentum Unterwerfung das letzte, was die Gottheiten fordern würden. Diese Gottheiten sprechen keine Gebote für die aus, die an sie glauben. Stattdessen bieten sie Herausforderungen, um Mut im Unglück und Stärke gegenüber Schwierigkeiten zu zeigen. Sie wollen, dass man selbständig als freier Mensch dasteht, um auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, die Gaben des Lebens und die Talente des eigenen Geistes zu nutzen, die eben diese Gottheiten einem verliehen haben, damit man den Lebensweg, den man gewählt hat, auch erfolgreich gestalten kann. Und daraus folgt nun eine der Einschränkungen, warum der alte heidnische Weg nicht für jeden Menschen geeignet ist: Menschen, die darauf angewiesen sind, dass andere oder irgendwelchen „heiligen“ Schriften ihnen dauernd sagen, was sie zu tun haben, Menschen, die nicht willens sind, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, Menschen, die zu schwach sind, eine überzeugte Ethik und einen individuellen Charakter aus sich selbst heraus zu entwickeln, Menschen, die z.B. in Form der biblischen Zehn Gebote erst ein göttliches Verbotssystem benötigen, um Selbstverständlichkeiten zu begreifen, für die ist der alte heidnische Weg in der Tat die falsche Alternative.

Einer der nachhaltigsten Schäden des Ein-Gott-Glaubens liegt in der Zerstörung der natürlichen Beziehung zwischen Männern und Frauen. Der christliche Gott wurde stets als männlich angesehen, die weiblichen Aspekte wurden über lange Jahrhunderte vom Christentum verteufelt und unterdrückt. Das geschah so nachhaltig, dass es gesellschaftlich bis heute nachwirkt. In den alten heidnischen Gesellschaften wurde das Weibliche hoch geachtet. So zeigt uns die nordeuropäische heidnische Mythologie, dass das Weibliche der Schlüssel zu verborgener Weisheit sein kann, und die Göttinnen sind sehr starke und eigenständige Kräfte. Der Gott der Bibel schuf den Mann nach seinem Bild und danach aus Adams Rippe eine Frau. In der nordischen Mythologie dagegen wurden der erste Mann und die erste Frau gleichzeitig aus zwei Bäumen geschaffen, einer Esche und einer Ulme. Wenn wir die heidnischen Mysterien verstehen, können wir auch die Männer und Frauen wieder besser verstehen. Wir können unsere Unterschiede sehen und damit beginnen, eine Einheit zu bilden. Dabei ist es sehr wichtig, die Ansichten der patriarchalischen Religionen aufzugeben. Eine Gesellschaft, an der die Frauen nicht gleichberechtigt teilnehmen können, kann niemals eine wirkliche Gesellschaft sein.

Ein weiterer großer Unterschied besteht darin, dass das Heidentum den Begriff der „Sünde“ nicht kennt. Natürlich gibt es auch dort eine Ethik, die sehr genau zwischen gutem und schlechten, zwischen ehrenhaftem und unehrenhaftem Tun unterscheidet. Die Vorstellung einer „Erbsünde“ aber (also die Vorstellung, man werde automatisch mit einem schweren seelischen Makel geboren) würde im Heidentum nicht den geringsten Sinn ergeben, genauso wenig wie die Vorstellung, kein Mensch könne selbst einen Zustand des Heils oder der „Erlösung“ erreichen, sondern der könne nur durch Priester als Mittler Gottes garantiert werden. Einerseits wachen die heidnischen Gottheiten also nicht kleinlich über Sünde und Tugendhaftigkeit, andererseits aber bieten sie auch keine Möglichkeit an, moralische Verfehlungen durch ein Reuebekenntnis vor ihrem Angesicht zu „vergeben“. Sie haben allerdings sehr viel mehr Verständnis für allzu menschliche Fehler, Schwächen und Bedürfnisse, als es der Gott der Bibel hat. Aber in heidnischer Tradition ist jeder Mensch für seine Taten und deren Konsequenzen voll und ganz selbst verantwortlich.

Bei den teilweise bizarren Aussagen und vor allem inneren Widersprüchen der Offenbarungsreligionen sollte es sehr zum Nachdenken anregen, dass die heidnischen Naturreligionen, die alle Jahrtausende älter als z.B. das Christentum sind, überall auf der Welt und unabhängig voneinander zu weitgehend identischen Ergebnissen gekommen sind. Wenn wir uns einmal ein Treffen zwischen einem indianischen Medizinmann, einem keltischen Druiden, einem afrikanischen Heiler, einer germanischen Seherin und einem sibirischen Schamanen vorstellen, dürfen wir sicher sein, dass diese Personen nicht annähernd mit solchen Verständigungsproblemen zu kämpfen hätten, wie es z.B. zwischen einem katholischen Theologen, einem jüdischen Rabbiner und einem muslimischen Imam der Fall wäre. Denn die erste Gruppe teilt konkrete eigene und identische Erfahrungen, während im zweiten Fall über abstrakte Aussagen von Schriften diskutiert würde. Wenn man in religiösem Zusammenhang überhaupt den Begriff „objekiver Wahrheit“ verwenden darf, dürfte er im Fall der heidnischen Gruppe also zumindest sehr viel überzeugender ausfallen.

Nun ist all das in einem Fall bereits von breiten Kreisen der Öffentlichkeit begriffen worden, nämlich im Fall der indianischen Religionen. Indianische Spiritualität erfreut sich im Westen hoher Wertschätzung. Kein Mensch würde diese Spiritualität heute noch als „primitives Heidentum“ bezeichnen, wie es noch vor 50 Jahren der Fall war, sondern viele Menschen haben verstanden, dass diese Form der Spiritualität vieles von dem heilen kann, an dem die Entwurzelung unserer Zeit so oft krankt.

Aber die indianischen Religionen sind nicht unsere eigenen Wurzeln. Und wenn wir etwas von ihnen lernen können, dann das, unser eigenes spirituelle Erbe wiederzuentdecken. Leider wissen die meisten Menschen einfach nicht, dass auch hierzulande genau die religiösen Traditionen existieren, die wir an exotischen Kulturen so gerne bewundern. Die vorchristlichen Religionen des alten Europa sind von ähnlich komplexem Zuschnitt, von einem solchen Reichtum an altem Wissen und Verständnis für die menschliche Natur und Zusammenhänge mit dem Göttlichen, wie die hochstehendsten Religionen aus anderen Teilen der Welt auch.

Oft hört man den Vorwurf, heidnische Religionen seien heutzutage lediglich ein Schmelztiegel verschiedener Traditionen und Philosophien aus aller Welt. Das mag auf große Teile der sogenannten Esoterik-Szene zutreffen, wo in der Tat Elemente völlig verschiedener Herkunft wahllos vermischt werden. Auf das Heidentum trifft das nicht zu, denn Heiden legen im Allgemeinen großen Wert auf die Kenntnis historischer Quellen und bemühen sich, ihre Religion so authentisch wie möglich zu leben. Außerdem wird behauptet, dass die heutigen Heiden gar keine richtige Vorstellung von den alten Traditionen haben und sie deshalb nicht so praktizieren können, wie ihre Vorfahren es taten. Es stimmt zwar, dass eine Menge Wissen zerstört wurde, aber sehr viel Wissen ist glücklicherweise auch überliefert worden, vor allem bei den baltischen und germanischen Religionen. Düster sieht es allerdings im Fall der Kelten aus, vom originalen keltischen Heidentum wissen wir in der Tat sehr wenig. Sicher sind unsere Rituale modernisiert worden, aber das müssen sie auch sein, denn wir leben im Hier und Jetzt. Die heidnischen Traditionen aber sind immer noch lebendig. Sie sind kein verkrustetes Gebilde, das in der Vergangenheit verhaftet ist. Die Zeiten haben sich geändert und wir mit ihnen. Was sich aber nicht geändert hat ist die menschliche Natur, und es ist heute noch genauso wichtig wie früher, uns und die geistigen Kräfte, die uns umgeben, zu verstehen.

Das alte Wissen ist nicht verschüttet. Es hat sich nicht nur in unzähligen Volksbräuchen erhalten, die bis heute sehr lebendig sind, in Märchen und Sagen, sondern in entlegenen Gegenden Skandinaviens und des Baltikums haben sich auch die alten Mythen und Techniken bis in moderne Zeit noch teilweise ungebrochen erhalten. Zudem hat die historische und religionswissenschaftliche Forschung hier in jahrzehntelanger stiller Arbeit sehr viel geleistet und viele der verloren geglaubten Details und Zusammenhänge ans Licht gebracht.

Kritik am Heidentum ist gerne erlaubt, sie macht genauso viel Sinn, wie Kritik an jeder anderen Religion auch. Sie sollte dann aber von Menschen kommen, die auch wissen, wovon sie reden. Kritik von Menschen, bei denen sich bei näherer Nachfrage dann herausstellt, dass sie kaum etwas Näheres über ihre eigene Religion wissen, geschweige denn über das Heidentum, bleibt in der Regel sehr unglaubwürdig. Wenn z.B. Christen nicht einmal wissen (oder nicht wissen wollen), welcher Religionszugehörigkeit Jesus war, ist die Grenze des Erträglichen wahrlich erreicht.

Besonders gewöhnungsbedürftig scheint vielen die Vorstellung des Glaubens an mehrere Gottheiten zu sein. Es ist aber ein grundlegender Irrtum, der bis heute von christlicher Seite besteht, die Wesensart der heidnischen Götter mit der ihres einzigen Gottes gleichzusetzen und darin einen unauflöslichen Gegensatz zu sehen. Schließlich haben auch Christen, Juden und Muslime genaue Entsprechungen zu den heidnischen Gottheiten: die große Zahl von Engeln, Erzengeln und anderen himmlischen Heerscharen mit genauer Abstufung ihrer Kompetenzen. Im Katholizismus kommt noch die gewichtige Schar der Schutzheiligen hinzu. Und deren Funktionen entspricht auch sehr viel mehr z.B. denen der heidnischen Götter. Die heidnischen Gottheiten sind nicht allmächtig oder allwissend, sie unterstehen einem höheren Prinzip, das allerdings nicht persönlich, sondern als ein ewiges Weltgesetz gedacht wird, dem alles unterworfen ist.

Was aber gerade von bibelgläubigen Christen dagegen eingewandt wird, lässt sich am leichtesten durch die Bibel selbst widerlegen. Aus zahlreichen Bibelstellen ergibt sich nämlich mit Sicherheit die Existenz zahlreicher Gottheiten. Man sollte mit Ps. 82 beginnen, wo schon am Beginn gesagt wird, dass Jahwe „inmitten der Versammlung der Götter“ steht. Dass die Israeliten auch weibliche Gottheiten (die „Himmelskönigin“) verehrten, geht ganz klar aus Jeremias 7, 18 und 44, 16 f. hervor. Gleichzeitig machen diese Stellen deutlich, dass es sich bei dieser Verehrung weiblicher Kräfte nicht um eine exotische Sonderform göttlicher Verehrung handelte. Im Buch der Richter 11,24 wird klar gesagt, dass andere Länder und Völker auch andere Götter haben, in I Sam. 26,9 klagt David darüber, dass er außerhalb seines Landes auch zu anderen Göttern beten müsse, in Jon. 1,3 will sich der Prophet Jonas dem Machtbereich Jahwes durch Flucht nach Tarsis entziehen. In 5 Mose 4,19 wird Jahwe „Gott der Götter“ genannt, in 5 Mose 4,19 und 29,25 ist anderen Völkern auch die Verehrung anderer Götter zugeteilt. Auch Jes.Sirach 17,14 nimmt an, dass über andere Völker auch andere Götter herrschen. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Gerade die Bibel geht also von der Existenz zahlreicher Gottheiten aus. Der dort verehrte Jahwe war lediglich der für die Gegend „zuständige“ Gott, und immer wieder wird gerade in der Bibel gesagt, dass er ausschließlich der Gott des Volkes Israel und keines anderen Volkes sei. Insofern stößt gerade biblisch orientierte christliche Kritik am Heidentum oft ins Leere. Sie ist in der Regel meistens ziemlich peinlich, weil sich dadurch regelmäßig offenbart, dass die meisten Christen das Alte Testament nicht einmal ansatzweise kennen.

Natürlich begegnet man oft der grundsätzlichen Frage, wozu eigentlich überhaupt noch Religion? Aber diese Frage klingt, als könne man Religion einfach abschaffen und ist in etwa so sinnvoll, wie die Frage, warum man noch denken sollte. Religiöse Fragen stellen sich von selbst. Die marxistische Theorie, nach der das Phänomen Religion nur die Kompensation menschlichen Leids und Elends sei und Religion von selbst verschwinden würde, wenn man eben dieses Leid und Elend abschafft, hat sich nicht nur als historisch völlig falsch erwiesen, sondern ging vor allem von einem für das 19. Jahrhundert typischen völlig eurozentrischen Weltbild aus. Schließlich ist Religion ja kein Produkt der westlichen Industriegesellschaft, sondern gerade „glückliche“ Naturvölker hatten stets die weitentwickelsten und blühendsten Religionen. Natürlich kann man die Frage nach der eigenen Endlichkeit und nach dem Sinn des Lebens verdrängen, sich ablenken und versuchen, nur in der Gegenwart zu leben (eine ganze Unterhaltungsindustrie lebt davon), aber keinem Menschen wird es gelingen, die wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu verdrängen. Sie werden ihn einholen und am Ende mit umso größerer Wucht zurückkommen. Aus dem geradezu panischen Zwang, das eigene Glück in der begrenzten Lebenszeit selbst herstellen zu müssen, koste es was es wolle, und dieses Glück vor allem in materiellen und nicht in eigenen geistigen Fortschritten zu suchen, entsteht das meiste Unheil in dieser Welt. Wer aber nicht alle äußerlichen Glückserwartungen in den wenigen Jahren seiner Lebenszeit unterbringen muss, der lebt einfach gelassener – und vor allem glücklicher.

Natürlich muss man nicht dem Heidentum anhängen, um ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können. Das gründet sich viel mehr auf die Fähigkeit, mit der Freiheit, die unsere Gesellschaft uns bietet, auch umgehen zu können und Verantwortung für das eigene Tun zu zeigen. Das erfordert eine gewisse Stärke, die nicht alle Menschen in gleicher Weise besitzen. Gerade die heidnischen Religionen aber können unsere geistigen Möglichkeiten stärken, uns mehr Chancen bieten und unser Denken erweitern – nicht einengen. Denn der heidnische Glaube ist frei von jeglichen festgeschriebenen Dogmen, und Einzelne können ihre Veranlagungen frei entwickeln. Er lehrt uns vor allem auch, für unser eigenes Leben die Verantwortung zu übernehmen. Die Freiheit, die uns glücklicherweise auch in religiösen Fragen zu Gebote steht, sollten wir nutzen, um den Weg zu wählen, der unserem Leben die beste Selbstverwirklichung zuteil werden lässt.

Die heidnische Bewegung in heutiger Zeit ging von den skandinavischen Ländern aus, in denen die alten Traditionen ja am längsten überlebt hatten. Das heutige Heidentum ist nicht zentral organisiert. Es gibt keinerlei heidnische „Kirche“, es gibt keine zentrale Führung und erst recht keinen „Guru“ oder ähnliche Figuren, die irgendeine Lehre vorgeben, der man zu folgen hat. Solche Tendenzen sind dem Heidentum völlig fremd, wie aus dem bisher Gesagten hoffentlich deutlich genug hervorgehen sollte. Die Szene besteht aus zahlreichen kleinen Gruppen und Einzelpersonen in vielen Ländern, die zwar auf lokaler Ebene oftmals Kontakt haben und mehr oder weniger zusammenarbeiten, die im allgemeinen aber höchst individuelle Meinungen haben. Genau dieser letzte Umstand steht einer zentralen Bewegung auch sehr entgegen, und sehr viele Heiden sind genau darüber auch sehr froh. Auch der Eldaring versucht diesen Zustand nicht zu ändern. Der Verein bemüht sich lediglich darum, Interessierten durch Mitgliedschaft mit Informationen, Kontakten usw. weiterhelfen zu können, woran bei vielen Menschen tatsächlich großes Interesse besteht. Und wenn es mit diesen Zeilen gelingen würde, auch in der breiten Öffentlichkeit ein paar der dümmsten Vorurteile abbauen zu können, wäre das einer der schönsten Erfolge.

Asatru – Was ist das eigentlich?

Vor dem Hintergrund, dass wir unseren Netzladen www.asatru-shop.com unter diesem Begriff führen, möchten wir nun etwas zum besseren Verständnis dieses Wortes beitragen. Auf Grund der Komplexität des Themas wird es zunächst drei Teile und danach möglicherweise noch Erweiterungen geben.

Mit Asatru (eigentlich Ásatrú) bezeichnet man die Rekonstruktion des nordisch-germanischen Glaubens. Das Wort setzt sich aus zwei Teilen zusammen, altnordisch áss steht für Götter und trú für Treue. Diese Bezeichnungen finden sich bereits in der Snorra-Edda aus dem 13. Jhdt. und der Komponist Edvard Grieg verwendete den Begriff “Asetro” 1870 in einem seiner Werke als Bezeichnung für das germanische Heidentum. Bei dem Wort handelt es sich somit um eine eingedeutschte Lehnübersetzung aus der dänischen bzw. altnordischen Sprache. Weitere Begriffe, die im wesentlichen das Gleiche bezeichnen, sind “Forn Siðr” (altnordisch für “Alte Sitte”, bei uns in Deutschland manchmal auch mit “Alter Weg” übersetzt) oder auch Odinismus (Bezug auf den Gott Odin). Schriften aus der späten Wikingerzeit berichten uns sowohl von der “alten” wie auch von der “neuen (= christlichen) Sitte”.

Asatru ist eng an den zugehörigen Kult und somit an die jeweilige Kult-ur gebunden. Von einer Religion im Sinne unseres heute vorwiegend christlich geprägten Religionsverständnisses zu sprechen erscheint kaum möglich. Aber auch das Wort “Glauben” ist sehr missverständlich, denn es geht nicht darum, etwas zu glauben, was man nicht weiß, sondern darum, dem zu vertrauen, was man kennt oder auch erfahren hat. Asatru wird daher als Erfahrungs- oder Naturreligion verstanden, und man spricht auch vom Neuheidentum, um damit zu verdeutlichen, dass es keine ununterbrochene Tradition gibt.

Im Gegensatz zu einer Offenbarungsreligion wie dem Christentum existiert kein menschlicher “Offenbarer”, keine heilige Schrift, keine Dogmen oder Sünden und auch keine Priester im kirchlichen Sinn. Hieraus folgt nicht selten die Ansicht, es gäbe ja nicht viel, auf das man sich dann bei einer Rekonstruktion beziehen könne. Das ist allerdings weit gefehlt, denn die Forschung hat inzwischen viel mehr zu bieten als uns oberflächlich betrachtet dazu einfiele.

Sigurd und ReginAls wichtigste Quelle gelten die beiden isländischen Bücher “Lieder- und Prosa-Edda” aus dem 13 Jhdt. mit ihren skandinavischen Götter- und Heldensagen. In diesen finden sich auch verarbeitete Inhalte kontinentalgermanischer Heldensagen, wie beispielsweise des Niebelungenliedes. Diese doch noch recht jungen Schriften haben aber einen viel älteren Bezug. Sie sind im wesentlichen auf die Völkerwanderungszeit zurückzuführen, aber manche Elemente gleichen denen, die ganz woanders und in einem der ältesten Literaturdenkmäler der Menschheit niedergeschrieben wurden: Den Hymnen der altindischen Rig-Veda (etwa 1000 bis 1500 v. d. Zt.). Diese Schrift wurde lange vor dem Entstehen des Hinduismus oder auch des Buddhismus verfasst und ursprünglich nur mündlich überliefert.

Zitat: “Die Texte des Rigveda sind mündlich, ohne die Kenntnis von Schrift verfasst und über mindestens drei Jahrtausende so vom Vater zum Sohn und vom Lehrer zum Schüler überliefert worden. Der Glaube, dass nur das exakt rezitierte Dichterwort die in ihm wohnende Kraft hervorbringt, hat eine sonst nirgendwo zu findende, getreue Überlieferung bewirkt, welche die der klassischen oder biblischen Texte bei weitem übertrifft. Die Genauigkeit ist so groß, dass man von einer Art Tonbandaufnahme von etwa 1000 v. Chr. sprechen kann.” Sprachwissenschaftler, die sich mit der indoeuropäischen Ursprache befassen, sind sich mit den Archäologen inzwischen einig, dass es einen gemeinsamen Ursprung geben muß. Aus ebenfalls der gleichen Quelle speisen sich neben der germanischen beispielsweise auch die keltische, griechische, römische und slavische Mythologie. Ob es bei uns in Europa wohl ähnliche spirituelle Praktiken wie im Hinduismus oder im Buddismus gäbe, wenn die Christianisierung nicht stattgefunden hätte?

GoetterfigurAuch ein Großteil des heute noch bei uns existierenden Brauchtums hat einen heidnischen Hintergrund, unsere Wochentage sind nach Göttern benannt, alte Ortsnamen lassen sich auf Kult- und Weihepraktiken zurückführen und auch Europa ist nicht nur ein Kontinent, sondern ursprünglich der Name der Geliebten des höchsten griechischen Gottes, Zeus. Dieser gilt wiederum als ursprünglich europäischer Hauptgott und heißt bei uns Ziu, Tiwaz oder Tyr, bei den Römern Mars, im keltischen Nuada, im baltischen Lettland wie auch in Indien Dyaus. Eine solche Gleichsetzung verschiedenster Götter aus unterschiedlichen Regionen und Mythologien kann zum Verständnis der Entwicklungsgeschichte von Kultur und Religion sehr hilfreich sein, aber auch nur dafür! Aus heutiger Sicht sind nämlich selbst Odin und Wotan keineswegs dieselben Götter. Da soll doch noch mal einer behaupten, es gäbe ja nicht viel…

Ein Schwerpunkt bei nahezu allen heidnischen Religionen ist der Ahnenkult. Dieser bezieht aber im Gegensatz zum Totenkult nicht nur direkte (also noch bekannte) Vorfahren, sondern auch Menschen, deren Leben schon lange zurückliegt, und vor allem auch mytische Ahnen ebenso wie Gottheiten mit ein. So mussten sich europäische Könige früher über die Abstammung vom höchsten der germanischen Götter, nämlich Wotan, legitimieren. Weil ein solcher Nachweis regulär natürlich schwer zu erbringen war, wurde wohl auch schon mal der eine oder andere Stammbaum etwas abgeändert.

Eine polytheistische Religion wie das germanische Heidentum erscheint aus heutiger Sicht in Deutschland ungewöhnlich, aber dennoch war es einst die am weitesten verbreitete “Sitte” in Europa. Der Verehrung diverser Götter und Göttinnen dürfte früher aber bei weitem nicht der Stellenwert beigemessen worden sein, wie es heute oftmals der Fall ist. Zumindest bei der Mehrzahl der Menschen, also beim einfachen Volk, war das Augenmerk offensichtlich viel mehr auf die “niedere” Mythologie gerichtet. Mit Riesen, Zwergen, Alben, Elfen, Landwichten, Disen, Walküren und Nornen musste man sich gutstellen, denn ihr Einfluss galt als wesentlich für das persönliche Schicksal des Menschen.